Paris und die verzerrte Darstellung des Jihad

 ﷽ 

Alles Lob gebührt Allah, dem Herren der Welten. 

Ihn bitten wir um Vergebung, und zu Ihm kehren wir ein. Wir bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Ihm, dem Einen. Und wir bezeugen, dass Muhammad () Sein Diener, Sein Gesandter ist.

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Wahrlich, Allah gebietet, gerecht (zu handeln), uneigennützig Gutes zu tun und freigebig gegenüber den Verwandten zu sein; und Er verbietet, was schändlich und abscheulich und gewalttätig ist. Er ermahnt euch; vielleicht werdet ihr die Ermahnung annehmen.” [16:90]

Wir alle haben mit tiefster Trauer, Schock, Schmerz und Betroffenheit von den kriminellen Terroranschlägen in Paris erfahren, die auf unschuldige Zivilisten, die weder Waffen trugen noch etwas mit Krieg zu tun hatten, abzielten.

Wir trauern um jeden Tropfen Blut und jede zu Unrecht getötete Seele. Als Moschee, als Imame, als Muslime und als Menschen verurteilen wir diesen Terroranschlag in Frankreich und jede andere Gewalttat, die auf unschuldige Zivilisten abzielt – egal welcher Herkunft oder Religion.

Der Islam befiehlt so etwas nicht! Der Islam kam mit fünf großartigen Zwecken: dem Schutz der Religion, der Seele, des Verstandes, des Vermögens und der Nachkommenschaft. Der Islam zielt darauf ab, die Seele zu schützen, indem Leben erhalten und nicht indem getötet wird.

Das Thema der heutigen Predigt ist der Standpunkt des Islam zu den Ereignissen in Frankreich und das richtige Verständnis des Jihad.

Wer auch immer die Anschläge in Paris angerichtet hat, der hat leider nicht die richtige Bedeutung des Jihad begriffen. So denken einige Muslime, dass Jihad bedeuten würde, zu den Waffen zu greifen und diejenigen, die nicht an Allah glauben zu töten. Sie unterscheiden auch nicht zwischen Soldaten und Zivilisten und nicht zwischen dem, mit dem ein Vertrag geschlossen wurde und einem Kämpfer.

Es gibt viele Qur’an-Verse und Hadithe über dieses Thema. Aber über welchen Jihad reden wir? Was sind seine Bedingungen?

Wenn wir eine gottesdienstliche Handlung ausführen möchten, müssen wir zunächst die Bedingungen und Säulen kennen. Sonst ist diese ‘Ibada ungültig und nicht akzeptabel. Wenn wir beispielsweise das Gebet ohne Gebetswaschung verrichten, so ist das Gebet ungültig. Dieses Prinzip gilt für alle ‘Ibadaat. Das gilt auch für den Jihad. Man muss dessen Bedingungen und Regeln des Islam beachten.

Wir alle wissen, dass in vielen Ländern der Welt Muslime getötet werden: in Syrien, im Irak, in Palästina, in Afghanistan usw. Aber es ist nicht akzeptabel, dass wir darauf mit schlimmerem Schaden antworten und Gewalt mit Gewalt bekämpfen. Das Resultat wäre weltweites Chaos. So steht im Qur’an in ungefährer deutscher Übersetzung:

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Und wenn Allah nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiß Mönchsklausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Allahs oft genannt wird, niedergerissen worden.” [22:40]

Jihad bedeutet weitaus mehr als der Kampf mit Waffen.

So bedeutet Jihad in ungefährer deutscher ÜbersetzungAnstrengung” und ist auch ein Teil der Da’wa, des Rufs zum Islam. Man strengt sich an, die Menschen mit Weisheit und schöner Ermahnung zum Islam einzuladen. So ist es auch als Jihad zu verstehen, wenn man seine Seele durch Gehorsam und Vermeidung von Sünden zum Guten erzieht.

Wir möchten nun kurz einige Bedingungen für den Jihad nennen:

So müssen dabei immer der Nutzen und der Schaden berücksichtigt werden. Wenn z.B. ein Kampf dazu führt, dass die Menschen sich vom Islam entfernen oder es zu Zerstörung und Vernichtung kommt, dann müssen klare Prioritäten gesetzt werden. Ein gutes Beispiel dafür ist der Waffenstillstand von Al-Hudaybiya. Auch ist stets auf die Reihenfolge der Taten zu achten, wenn man einen Umstand ändern möchte. So setzt man dafür zu erst die Hand ein. Wenn dies nicht möglich ist, die Zunge. Wenn dies ebenfalls nicht hilft, dann folgt das Herz und dies ist vom Iman das schwächste. Es kommt also auf die Umstände und Prioritäten an.

Auch müssen Verträge und Vereinbarungen eingehalten werden. So kann ein Kampf gegen jemanden, mit dem man einen Friedens- oder Waffenstillstandsvertrag hat, gar kein Jihad sein. So steht dazu im edlen Qur’an:

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Wenn sie euch jedoch um der (euch gemeinsamen) Religion willen um Hilfe bitten, dann obliegt euch die Hilfe, außer gegen Leute, zwischen euch und denen ein Abkommen besteht. Und was ihr tut, sieht Allah wohl.” [8:72]

Auch muss es für einen solchen Jihad einen Anführer geben. Ohne Anführer entstehen nur Chaos und Spaltungen, wie wir jetzt überall sehen.

Weiterhin dürfen keine Frauen, Kinder, Ältere und Zivilisten getötet werden. Sobald sie getötet werden, ist es kein Jihad.

So sagte der Gesandte Allahs () in sinngemäßer Übersetzung:

Wer eine Person von einer Gruppe tötet, mit denen die Muslime einen Friedensvertrag vereinbart haben, wird nicht einmal den Duft des Paradieses zu spüren bekommen, obwohl dieser bereits von einer Entfernung wahrzunehmen ist, die einer vierzigjährigen Marschroute entspricht.“ 

Es gibt noch viele weitere Bedingungen, die wir leider in Anbetracht der Zeit nicht alle aufzählen können.

Liebe Geschwister,

viele Menschen im Westen nehmen den Islam an – aus freier Überzeugung und ohne Zwang. Würden wir den Islam mit Zwang und Gewalt verbreiten, würden die Menschen den Islam hassen und vor ihm weglaufen. Die islamische Gesetzgebung hat uns auch klargemacht, wie wir mit Nichtmuslimen zusammenleben sollen.

Abschließend möchten wir noch folgendes sagen: wir dürfen Gewalt nicht mit Gegengewalt beantworten. Gewalt gebärt nichts außer weiterer Gewalt. Diejenigen, die die Anschläge in Paris verübten, sind offenbar verzweifelte Jugendliche, die in ihrem Leben keine Perspektive haben und unwissend über ihre Religion sind. Wir müssen uns um die Jugendlichen kümmern und ihre gesellschaftlichen und psychischen Angelegenheiten in Ordnung bringen. Wir dürfen sie nicht vernachlässigen. Auch tragen westliche Staaten, eine Teilschuld an dem was passiert ist. Sie verteidigen Werte wie Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte in ihren Ländern, aber schweigen wenn diese Werte in anderen Ländern mit Füßen getreten werden. Sie unterstützen Diktaturen und verkaufen ihnen Waffen. Viele Jugendliche sind deswegen frustriert und entwickeln Hass und wollen sich an diesen Staaten rächen. Deswegen müssen die westlichen Staaten auch im Ausland für Freiheit und Gerechtigkeit eintreten.

Wir alle – die ganze Gesellschaft – müssen uns um die Jugendlichen kümmern und sie auf Basis von Liebe, Barmherzigkeit, Milde und Respekt erziehen.

Möge Allah (subhanahu wa ta’ala) uns segnen, uns vergeben, und uns vor jeglichen Heimsuchungen beschützen. Auch bitten wir Allah darum, dass er allen Muslimen beisteht und Deutschland, Europa und alle anderen Länder in Sicherheit, Ordnung, Frieden und Wohlstand leben lässt.

Amin wa-lhamdu-li-llahi-rabbi-l´alamin.