Freie Übersetzung der Freitagspredigt: Die Auswanderung (Hidschra)

Alles Lob gebührt Allah, dem Herren der Welten. 

Ihn bitten wir um Vergebung, und zu Ihm kehren wir ein. Wir bezeugen, dass es keinen Gott gibt außer Ihm, dem Einen. Und wir bezeugen, dass Muhammad  (ﷺ) Sein Diener und Gesandter ist.

Liebe Geschwister im Islam,

Wir verabschieden heute das alte und begrüßen das neue Jahr. Blicken wir 1435 Jahre zurück, sehen wir unseren Gesandten Muhammad (ﷺ), wie er und sein treuer Gefährte Abu Bakr nach Medina aufbrachen. Auf der Suche nach Schutz und Freiheit. Einem Leben entgegen ziehend, dass ihnen mehr Selbstbestimmung und Mitspracherecht bieten sollte. Einer Zeit entgegen, in der sie und ihre Gemeinschaft offen zu ihrem Glauben stehen und ihre rituellen Gepflogenheiten ausleben konnten.

Wir alle wissen, dass dieser Tag eine Wende markiert in der Geschichte unseres Glaubens und dass immer mehr Menschen, immer mehr Völker ihren Weg zu dem Einen und Einzigen fanden. Und bald schon sollte ein wesentlicher Teil der gesamten Menschheit dem Rufe folgen:

Allah ist groß! Allah ist groß! Es gibt keinen Gott außer Allah! Muhammad ist sein Gesandter! Kommt zum Gebet! Kommt zur Erlösung! Allah ist groß! Allah ist groß!“

Auch die meisten von uns, liebe Schwestern und Brüder, beziehungsweise unsere Eltern, sind vor nicht allzu langer Zeit aufgebrochen, um ein anderes, ein besseres Leben zu finden. Auch wir haben schweren Herzens unsere Heimat verlassen (und wer verlässt schon gerne sein Zuhause?), um in einem fernen Land einen neuen Start zu wagen.

Wir blicken nun auf etwa ein halbes Jahrhundert zurück, liebe Geschwister, indem wir Muslime nun schon dieses Land bevölkern.  Welches Bild eröffnet sich uns dann? Wir Muslime haben hierzulande bei den Einheimischen bis auf wenige Ausnahmen weder Interesse geweckt noch an Achtung gewonnen. Im Gegenteil, unser Glaube scheint dieser Tage mehr und mehr an Schönheit einzubüßen.

Wenn wir die Ankunft der Islamischen Gemeinschaft damals in Medina und die Ankunft der Muslime heute in Europa betrachten, dann fallen uns einige Unterschiede auf. Die wesentlichen Unterschiede vielleicht, weshalb wir hier mit unserem Glauben auf kein positives Echo stoßen wollen wir nun näher beleuchten:

Einer der bekanntesten Aussprüche unseres Gesandten lautet:

Die Taten sind entsprechend den Absichten, und jedem Menschen steht das zu, was er beabsichtigt hat.

Wer also auswandert, um Allahs und Seines Gesandten willen, dessen Auswanderung ist für Allah und Seinen Gesandten; wer aber seine Auswanderung wegen seines irdischen Lebens unternimmt, um es zu erlangen, oder wegen einer Frau, um sie zu heiraten, dessen Auswanderung ist für das, um dessentwegen er auswanderte.”

Der Prophet wanderte nach langen Jahren voller Entbehrung, Leid und Verfolgung aber auch nach langen Jahren unerschütterlicher und auf Allah vertrauender Geduld aus, um seine Botschaft verkünden zu können und um seiner Gemeinschaft Schutz zu bieten. Seine Auswanderung war durch und durch für die Sache Allahs.

Für was begaben wir uns in die Fremde? Für bessere Lebensbedingungen? Für Schutz und Sicherheit? Für unser tägliches Brot? Diese Absichten sind alle richtig und möglicherweise wird hierfür eine Auswanderung sogar zur Pflicht. Es heißt ja nicht, dass die Gefährten Muhammads in Medina tatenlos blieben. Sie führten ihre Geschäfte weiter und nahmen selbstverständlich ihre Tätigkeiten auf. Doch blieben und verstanden sie sich in erster Linie als Botschafter des Islam.

Und dies, liebe Geschwister, muss auch unser Selbstverständnis werden. Wenn wir uns mit unserem Buch und unserer Lehre auseinandersetzen, und wenn unser Charakter und unser Verhalten mehr über unseren Glauben verraten als unsere Wörter, dann erfüllen wir eine wichtige Voraussetzung, wie auch die Gefährten seinerzeit sie erfüllt haben, um Botschafter in der Sache unseres Herren zu sein.

Dann fällt uns weiter auf, dass gerade die jungen Menschen um den Propheten sehr aktiv und hilfreich waren. Allein bei der Auswanderung, waren es vor allem junge Menschen, die geholfen haben, dass die Flucht geglückt ist. Der Neffe Muhammads war fast noch ein Kind, als er sich in das Bett Muhammads gelegt hat, um die Verfolger zu täuschen. Zwei junge Frauen waren es, die den Propheten auf seiner Flucht mit Nahrung versorgt haben. Ein anderer junger Mann sorgte mit seiner Viehherde dafür, dass die Spuren Muhammads im Sand verwischt wurden.

Es lassen sich viele weitere Beispiele nennen, wie der Gesandte Allahs auf die Jugend baute. Wie sie verantwortungsvolle Aufgaben übernahm, einbezogen und um Rat gefragt wurde. Wenn es uns, liebe Brüder und Schwestern gelingen würde, unsere Kinder in unsere Gemeinschaft mit einzubeziehen, wenn sie einsehen, dass sie für die gute Sache unentbehrlich sind und dass wir und unsere Gemeinschaft sie brauchen, dann hätten wir die beste Vorsorge getroffen, die man nur treffen kann.

Noch einige weitere Details der Auswanderung unseres Gesandten, die wir nur in Kürze anschneiden können,  machen uns deutlich, weshalb der Islam mit friedlichen und sozialen Mitteln seinerzeit einen beispiellosen Siegeszug vollzog.

Indem der Gesandte die zerstrittenen Stämme aus Medina vereinigte und befriedete, hatten sie die Kraft, gemeinsam den Verfolgern aus Mekka die Stirn zu bieten und aus den vielen Kämpfen schließlich als Sieger hervorzugehen. Wir können uns alle vorstellen, mit welch einer Stimme wir Muslime in diesem Land sprechen könnten, wenn wir dem Beispiel der Gefährten folgen würden.

Überhaupt wurde die Bruderschaft im Glauben großgeschrieben und erreichte ein in der Geschichte bis dahin nie da gewesenes Maß an Zusammenhalt. So stellte der Gesandte jedem Auswanderer aus Mekka einen Bewohner aus Medina als Paten zur Seite. Das wurde so gut angenommen, dass beispielsweise einer aus Medina seinem Paten die Hälfte seiner Güter und selbst einen Teil seiner Familie als Geschenk anbot.

In Medina angekommen, war die erste Handlung Muhammads die Errichtung einer Gebetsstätte. Diese Moschee war selbst für damalige Verhältnisse nicht als Prachtbau und Ausdruck von Wohlstand und Perfektion zu verstehen.  Sie war einfach und vor allem zweckdienlich. Worauf die gesamte Energie dagegen verwandt wurde, war die Errichtung einer starken Gemeinschaft aus gläubigen, verantwortungsvollen und treuen Menschen. Weder spielte die Sprache eine Rolle, noch die Hautfarbe, weder das Vermögen noch das Aussehen. Denn:

Der edelste von euch ist der Gottesfürchtigste“.

Auf diese Weise lebten der Prophet und seine Gefährten in jeder Stunde und an jedem Tag eines jeden Jahres. Und wer sich Allah helfend zeigt, dem hilft Allah, und Er ändert auch den Zustand einer Gruppe, sobald der Einzelne an sich selbst Änderung zeigt.

In diesem Sinne, liebe Schwestern und Brüder, bitten wir Allah barmherzig mit uns zu sein und uns auf den Weg Seines Gesandten zu leiten.

Bitten wir Allah um Kraft und Ausdauer für ein Gotteshaus, das nur dann einer Moschee würdig ist, wenn es von der Gemeinschaft belebt und  gestaltet wird.

Amin wa-lhamdu-li-llahi-rabbi-l´alamin.